Wildnisgebiete in der Egge

03. September 2026 | BUND, Bäume, Lebensräume, Naturschutz, Wälder, Wildnis

Naturschutzverbände im Kreis Höxter begrüßen Wildnisprogramm der Landesregierung.

Wildnisgebiete sind Hotspots der Artenvielfalt Wildnisgebiete sind Hotspots der Artenvielfalt  (BUND NRW)

Die Egge soll wilder werden, und das ist gut so. Die Landesregierung NRW aus CDU und Grünen plant in ihrem eigenen Waldbesitz landesweit 5.000 ha Wald aus der forstlichen Nutzung zu nehmen und einer natürlichen Entwicklung zu überlassen. Da in der Egge schon teilweise Wildnisgebiete ausgewiesen sind, diese jedoch zum größten Teil nicht die geforderten, zusammenhängenden 1.000 ha eines Wildnisgebietes aufweisen, begrüßen die Naturschutzverbände im Kreis Höxter die Pläne der Landesregierung NRW ausdrücklich, weitere Flächen des Staatswaldes in der Egge aus der forstlichen Nutzung zu nehmen und ihrer natürlichen Entwicklung zu überlassen. Diese Flächen haben zusammen betrachtet keinesfalls die Dimension eines Nationalparks, welcher laut dem Bundesamt für Naturschutz eine Mindestgröße von 10.000 Hektar in Deutschland haben sollte. Die geplanten Wildnis-Entwicklungsgebiete sind ein überfälliger und wichtiger Schritt für die Natur, die Artenvielfalt, den Klimaschutz und einen zukunftsfähigen Umgang mit unseren Wäldern. 

Vom langfristigen Ziel der Nationalen Biodiversitätsstrategie, dass zwei Prozent der Landesfläche einer natürlichen Entwicklung überlassen werden sollen, ist NRW noch weit entfernt, da bis heute lediglich etwas über 0,2 % der Landesfläche ausgewiesen sind.

Die geplanten Wildnisgebiete bedeuten nicht, dass plötzlich der gesamte Egge-Wald stillgelegt oder der Verwahrlosung überlassen wird. Im Gegenteil: Der weitaus größte Teil des Staatswaldes wird weiterhin forstlich bewirtschaftet. Wildnis bedeutet: natürliche Prozesse dürfen wieder stattfinden. Gerade die Egge bringt dafür hervorragende Voraussetzungen mit. Auf den ausgewählten Flächen soll lediglich der Holzeinschlag auf null gesetzt werden. „Dort bekommt die Natur Zeit und Raum – viel Zeit zum Leben. Bäume dürfen wachsen, älter werden, absterben und schließlich verrotten. Genau dieser natürliche Kreislauf schafft Strukturen, die in intensiv genutzten Wäldern selten geworden sind: Totholz, Baumhöhlen, alte Habitatbäume und natürliche Lichtungen auf großen Flächen“, betont Ralf Liebelt vom NEW. 

Die Egge ist mehr als ein Wirtschaftswald. Sie ist Lebensraum, Rückzugsort für unzählige Tier-, Pflanzen- und Pilzarten, Wasserspeicher und Klimaschützer. Sie ist ein Stück Natur, die wir nicht nur für uns, sondern auch für kommende Generationen bewahren müssen.

„Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung sind die Pläne der Landesregierung NRW, einen Teil des Wildnisprogramms auch im OWL-Staatsforst umzusetzen. Diese Pläne werden begrüßt, denn worauf wollen wir noch warten? Gerade dieser Sommer 2026 mit seinen dagewesenen Hitze- und Dürreperioden hat uns deutlich gezeigt, wo es in Zeiten des Klimawandels hingeht. Eine Förderung von großräumig natürlichen Waldökosystemen hilft, unsere Lebenswelt zukunftsfähig zu machen. Die Verbesserung des Wasserhaltevermögens und der Regeneration von Grundwasser, die Entwicklung resilienter Baumarten gegen Hitze und Dürre oder die Förderung einer standorttypischen biologischen Vielfalt stellen derzeit eine nie dagewesene Herausforderung dar. Größere zusammenhängende Wildnisgebiete im Staatswald wie der Egge sind ein Beitrag für eine natürliche Anpassung an sich ändernde Umweltbedingungen und mindern verheerende Auswirkungen. Solche Anpassungen gewinnen immer mehr an Bedeutung. Ihr Schutz ist ein Auftrag an zukünftige Generationen“, sagt Irene Büttner von der Kreisgruppe des BUND.

Das Naturschutzgebiet Egge-Nord umfasst rund 2.600 Hektar. Dort finden sich alte Buchenwälder, Höhlen, Schluchten und Felsformationen – Lebensräume, die in unserer zunehmend intensiv genutzten Landschaft besonders wertvoll sind. Schon vor mehr als zehn Jahren hat das Land NRW westlich von Altenbeken mit dem „Naturerbe Buchenwald“ ein erstes Wildnis Entwicklungsgebiet ausgewiesen. Die Flächen gehören zum Naturschutzgebiet Egge-Nord. Dass dort auch empfindliche Arten wie der Schwarzstorch vorkommen, zeigt eindrucksvoll, welche Bedeutung die Egge als Rückzugsraum hat.

Die Wildnisgebiete bleiben auf den vorhandenen Waldwegen für die Menschen erlebbar. Wandern, Natur erleben und Umweltbildung sind weiterhin möglich. Die Natur wird nicht eingesperrt. Sie bekommt lediglich etwas mehr Raum. Und vielleicht ist genau das der Perspektivwechsel, den wir brauchen: Nicht jeder Baum muss gefällt werden, um wertvoll zu sein. Nicht jeder Wald muss maximal genutzt werden. „Manchmal ist es das Wertvollste, was wir tun können, einfach einmal nichts zu tun. Lasst die Bäume auf der Egge wachsen. Lasst sie alt werden. Lasst sie wild werden. Für die Artenvielfalt. Für das Klima. Für unser Wasser. Und für die Menschen, die auch morgen noch eine lebendige Egge erleben wollen“, so die Naturschutzverbände des Kreises Höxter.

Die Naturschutzverbände halten es deshalb für falsch, den Eindruck zu erwecken, die gesamte Egge solle stillgelegt werden. Wo bleibt das „Naturpark plus“? Kritisch sehen die Naturschutzverbände das bislang kaum erkennbare kommunale Engagement für zusätzlichen Naturschutz im Wald. Seit Längerem wird von einem „Naturpark plus“ gesprochen. Doch konkrete Inhalte und sichtbare Ergebnisse sind bislang kaum erkennbar. Wenn das Konzept ‚Naturpark plus‘ mehr sein soll als ein schönes Schlagwort, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt, es auch mit (Wildnis)Leben zu füllen. „Die Kreise und Kommunen sollten die Wildnispläne des Landes unterstützen. Was könnte besser zu einem Naturpark plus passen als mehr Raum für Natur?“, ergänzt Karsten Otte von der Bezirkskonferenz Naturschutz OWL. Die Diskussion um die Egge sollte nach Ansicht der Naturschutzverbände deshalb nicht bei der Frage enden, wieviel Holz künftig noch aus jedem einzelnen Hektar herausgeholt werden kann. Es gehe um eine größere Frage: Wie wollen wir mit dem Wald unserer Zukunft umgehen? Die Egge ist nicht nur Holzlieferant. Sie ist Lebensraum, für uralte Wälder von Morgen, Wasserspeicher, Klimaschützer, Erholungsraum und Heimat.

„Wir haben mit der Egge einen einzigartigen Naturraum direkt vor unserer Haustür! Wir sollten diese Chance nutzen und der Natur dort, wo es möglich ist, wieder mehr Raum geben.“ Denn ein Wald muss nicht immer etwas leisten, was wir Menschen von ihm verlangen. Manchmal ist seine wichtigste Leistung schlicht: Er darf Wald sein. „Wenn ein Baum gefällt wird, bevor er sein natürliches Alter erreicht hat, endet sein Leben als Lebensraum oft genau dann, wenn er ökologisch besonders wertvoll wird. Haben wir endlich den Mut, von uns intensiv genutzte kleinste Flächenteile der Natur zurückzugeben, ergänzt Rudolf Ostermann, Vorsitzender vom NABU-Kreisverband Höxter. Das Land entscheidet als Waldbesitzerin, wie es mit seinem Eigentum umgeht. Dazu gehört auch die Entscheidung, bestimmte Flächen nicht mehr wirtschaftlich zu nutzen, sondern der Natur zu überlassen.

Wir sagen klar: Die Egge braucht mehr Wildnis!

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